07.05.2008 - 13:32 Uhr |

Medientreffpunkt Mitteldeutschland - MTM

Gerichtsshows - Die Realität sieht anders aus

Leipzig, 07.05.2008 (newsropa.de) - Gerichtsshows haben nicht viel mit der Realität zu tun, sondern sind Unterhaltung. Sie nehmen keinen Einfluss auf Gerichte und Verfahrensbeteiligte, wohl aber auf die Erwartungshaltung von Zuschauern bei realen Verhandlungen. Zu diesem Schluss sind Medienvertreter und Juristen beim Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig gekommen. Die Shows seien nicht geeignet, über das deutsche Justizsystem aufzuklären, auch wegen der Verdichtung auf netto 45 Sendeminuten.

Sachsen-Anhalts Justizministerin Prof. Dr. Angel Kolb verwies darauf, dass es sich bei der Masse der Verfahren an deutschen Gerichten um Diebstähle, Beleidigungen und andere Fälle kleinerer und mittlerer Kriminalität handle. In den Gerichtsshows überwiege aber Gewaltkriminalität. „Mich stört, dass hier das Spektakuläre in den Vordergrund gestellt wird“, sagte Kolb. Zudem werde kaum erklärt, wie der Richter zu Wahrheitsfindung und Urteil gekommen sei, so Kolb.

Die Realität sehe völlig anders aus, sagte auch Christoph Frank, Vorsitzender des Deutschen Richterbunds: „Im Gegensatz zu Gerichtsshows gibt es im Gerichtssaal keine überraschenden Wendungen.“ Die Wahrheitsfindung sei wesentlich schwieriger, als in den Shows gezeigt. Frank beklagte, dass die Rolle der Staatsanwaltschaft meist negativ dargestellt werde. Sie übersehe Hinweise, befrage Zeugen nicht richtig. Gleichwohl arbeite der TV-Richter Hold auch in juristischer Hinsicht sehr professionell.

Darauf legt Alexander Hold, Richter in der gleichnamigen Sat.1-Gerichtsshow, auch besonderen Wert. Er habe seine richterliche Unabhängigkeit vertraglich vereinbart und er verhandle nach der Strafprozessordnung, sagte Hold. Auch Urteil und Begründung schreibe er selbst. „Ich sehe in der Gerichtsshow die Möglichkeit, den Menschen das Justizsystem und das deutsche Recht nahezubringen“, so Alexander Hold zu seinem Motiv. Allerdings wolle er damit auch kein Bildungsfernsehen machen. Spektakuläre Fälle, eine Verdichtung der Handlung und zugespitzte Charaktere seien für ein erfolgreiches Fernsehformat Voraussetzung. Aber: „Klischees werden im Laufe der Verhandlungen auch immer wieder gebrochen, wer böse aussieht, ist nicht automatisch auch der Böse“, betonte Hold.

Die SPIEGEL-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen beklagte, dass die Gerichtsshows bei den einfachen Leuten ein falsches Bild der Justiz geprägt haben. Was hier in einer halben Stunde abgehandelt werde, dauere in Wirklichkeit ein halbes Jahr oder länger. Friedrichsen weiter: „Die Fälle sind oft an den Haaren herbeigezogen und teils unter der Gürtellinie. Das ist pure Unterhaltung, was man auch an der Werbung sieht, die um die Sendung platziert ist.“ Friedrichsen musste allerdings einräumen, dass weniger spektakuläre Fälle zum Beispiel auch bei Zeitungslesern selten auf großes Interesse stoßen. Auch sie selbst bediene mit ihren Gerichtsreportagen ein Unterhaltungsbedürfnis. „Vielleicht machen wir ja doch das Gleiche“, so ihr Fazit.

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